Zwi­schen­ziel erreicht! – Anmer­kun­gen zu eini­gen Aspek­ten eines schwie­ri­gen Qua­li­fi­ka­ti­ons­ver­fah­rens

Zwischenziel erreicht! - Anmerkungen zu einigen Aspekten eines schwierigen Qualifikationsverfahrens
Foto: Peter Bolz

Tahir Güleç (Tae­kwon­do Özer) hat sich für die Olym­pi­schen Spie­le 2016 in Rio de Janei­ro direkt über die Welt­rang­lis­te qua­li­fi­ziert.

Tahir Gülec triumphiert nach seinem Sieg im WM-Finale
Foto: Peter Bolz

Der Sport­sol­dat bei der Bun­des­wehr-Sport­för­der­grup­pe in Sont­ho­fen und ehe­ma­li­ge Schü­ler der Nürn­ber­ger Ber­tolt-Brecht-Schu­le, einer Eli­te­schu­le des Sports, ist nach sei­ner Schwes­ter Sümey­ye und sei­nem Schwa­ger Dani­el Manz bereits der drit­te Olym­pia-Teil­neh­mer aus dem Güleç-Manz-Clan.

Sümeyye und Daniel Manz bei der Verabschiedung vor Sümeyyes Olympia-Teilnahme in London

Sümey­ye war 2008 und 2012 dabei, ihr Ehe­mann Dani­el 2008.

Tae­kwon­do Özer stellt somit bei der drit­ten Olym­pia­de in Fol­ge Sport­ler in die­ser mit einer extrem stren­gen Teil­neh­mer­be­gren­zung beleg­ten Sport­art (2008 konn­ten sich vier Deut­sche qua­li­fi­zie­ren, 2012 zwei).

Aber auch Tahir dürf­te die beson­de­re Atmo­sphä­re des sport­li­chen Mega-Ereig­nis­ses nicht ganz unbe­kannt sein. Er war 2010 einer der vier deut­schen Tae­kwon­do­kas bei den ers­ten Olym­pi­schen Jugend­spie­len.

Nach dem vom 05. bis 06. Dezem­ber in Mexi­ko-Stadt aus­ge­tra­ge­nen Grand-Prix-Fina­le wur­de Bilanz gezo­gen. Die sechs zu die­sem Zeit­punkt in der Welt­rang­lis­te am höchs­ten posi­tio­nier­ten Sport­ler unter­schied­li­cher Natio­nen erhiel­ten je ein Olym­pia-Ticket.
Den Sport­lern, denen die direk­te Qua­li­fi­ka­ti­on nicht gelun­gen ist, bleibt noch der Weg über die kon­ti­nen­ta­len Qua­li­fi­ka­ti­ons­tur­nie­re. Das euro­päi­sche fin­det am 16. Janu­ar in Istan­bul statt. In der Sport­art Tae­kwon­do darf aller­dings jede Nati­on nicht mehr als zwei Damen und zwei Her­ren nach Rio schi­cken. Die­se stren­ge Quo­te kennt nur eine Aus­nah­me: Die direk­te Qua­li­fi­ka­ti­on über die Welt­rang­lis­te. Im Ide­al­fall könn­ten so für ein Land vier Damen und vier Her­ren, also ein Sport­ler pro olym­pi­sche Gewichts­klas­se, teil­neh­men.

Foto: MasTaeKwonDo.com

Vol­ker Wod­zich (TG All­gäu) war als drit­ter Deut­scher mit der Chan­ce auf die direk­te Qua­li­fi­ka­ti­on nach Mexi­ko geflo­gen, fand sich aber nach dem Grand-Prix-Fina­le nur auf Platz acht der Welt­rang­lis­te wie­der. Da sich neben dem baye­ri­schen Qua­li­fi­kan­ten Tahir Güleç auch der Nord­rhein-West­fa­le Levent Tun­cat (Leo­pard Len­ge­rich) bereits einen Olym­pia-Start­platz gesi­chert hat, bleibt Vol­ker Wod­zich der Weg über das euro­päi­sche Qua­li­fi­ka­ti­ons­tur­nier ver­wehrt.

Von den deut­schen Damen konn­te sich kei­ne direkt qua­li­fi­zie­ren. Das Spit­zen­trio, das aus Anna-Lena Fröm­ming, Tahirs Schwes­ter Rabia Güleç (bei­de Tae­kwon­do Özer) und Yan­na Schnei­der (Sport­werk Düs­sel­dorf) besteht, kon­kur­riert nun um die Quo­ten­plät­ze. Denn nur zwei wer­den in der Tür­kei mit den ande­ren noch nicht qua­li­fi­zier­ten Sport­le­rin­nen der euro­päi­schen Tae­kwon­do-Eli­te um den Ein­zug ins Fina­le kämp­fen. Das ist zumin­dest die aktu­el­le offi­zi­el­le Les­art, man könn­te die Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen aber auch so inter­pre­tie­ren, dass meh­re­re deut­sche Damen teil­neh­men dür­fen, sich aber nicht mehr als zwei qua­li­fi­zie­ren kön­nen. Ledig­lich für die erst- und zweit­plat­zier­ten Ath­le­ten jeder Gewichts­klas­se erfüllt sich der Traum von der Olym­pia-Teil­nah­me.

Anna-Lena Frömming, Sebil Sara Kaya, Malik Gülec und Rabia Gülec mit ihren Medaillen bei den Austrian Open zusammen mit ihrem Trainer Özer Gülec

Anna-Lena Fröm­ming gilt für Istan­bul als gesetzt. Mit nur 20 Jah­ren hat sie sich durch viel Trai­nings­fleiß und kon­stan­te Wett­kampf­leis­tun­gen in ihrer Gewichts­klas­se bis auf Platz 7 der Welt­rang­lis­te hoch­ge­ar­bei­tet. Zwi­schen­ziel erreicht! – Anmer­kun­gen zu eini­gen Aspek­ten eines schwie­ri­gen Qua­li­fi­ka­ti­ons­ver­fah­rens – Bild 06Wenn es nach den sport­li­chen Erfol­gen geht, dem ein­zi­gen Maß­stab, der zäh­len soll­te, wäre Rabia Güleç (21 und eben­falls auf Platz 7 der Welt­rang­lis­te) ohne Zwei­fel auch in der Tür­kei dabei. Sie konn­te sich bis­her zwei WM- und sechs EM-Medail­len sichern, dar­un­ter den EM-Titel bei der Jugend 2009 sowie bei den Senio­ren WM-Bron­ze 2013 und EM-Bron­ze 2014. Allein in den letz­ten bei­den Jah­ren stieg sie bei Welt­rang­lis­ten­tur­nie­ren 14-mal auf das Sie­ger­trepp­chen, davon sie­ben­mal auf Platz eins.

Yanna Schneider bei den Israel Open

Ihre Kon­kur­ren­tin Yan­na Schnei­der stand im glei­chen Zeit­raum acht­mal auf dem Podest, „nur” ein­mal davon ganz oben. Die 19-jäh­ri­ge Jugend-Welt­meis­te­rin von 2012 befin­det sich auch bei den Senio­ren auf dem Weg an die Welt­spit­ze (der­zeit Platz 12), konn­te aber in die­ser Alters­grup­pe noch kei­ne wich­ti­ge Medail­le erkämp­fen.

Ganz sicher haben es sich alle drei ver­dient, die Qua­li­fi­ka­ti­ons-Chan­ce zu erhal­ten. Der Welt­ver­band WTF (World Tae­kwon­do Fede­ra­ti­on) lässt dies aber nicht zu und erzwingt die Aus­wahl von zwei der drei Kan­di­da­tin­nen. Die objek­ti­ven Kri­te­ri­en spre­chen eine kla­re Spra­che – Anna-Lena befin­det sich aktu­ell auf Platz 11, Rabia auf Platz 16 und Yan­na auf Platz 21 der Welt­rang­lis­te bei den olym­pi­schen Gewichts­klas­sen.

Lorena Brandl, Helena Fromm, Yanna Schneider, Anna-Lena Frömming, Rabia Gülec, Roxana Nothaft mit ihren Medaillen bei den Israel Open zusammen mit Bundestrainer Carlos Esteves

Nun spie­len aber bei sol­chen Ent­schei­dun­gen gele­gent­lich auch poli­ti­sche oder per­sön­li­che Gesichts­punk­te eine gewis­se Rol­le. Rabia gilt im Ver­gleich zu Yan­na als schwie­rig und weni­ger dis­zi­pli­niert. Dies soll in der Ver­gan­gen­heit dem Bun­des­trai­ner schon viel Geduld und star­ke Ner­ven abver­langt haben. Zudem wäre Rabia die drit­te mög­li­che Olym­pia­teil­neh­me­rin aus einem Ver­ein. So viel Erfolg stößt nicht nur auf Gegen­lie­be, auch Nei­der wer­den auf den Plan geru­fen.

Helena Fromm auf dem Titel ihres Buches "Ready to fight"
Foto: Lau­ra Bouc­sein

Und dann ist da noch die „Gran­de Dame” des deut­schen Tae­kwon­do, Hele­na Fromm. Sie sorg­te in Lon­don für die ers­te und bis­her ein­zi­ge Olym­pia-Medail­le bei den deut­schen Tae­kwon­do-Damen. Ein Mit­te 2014 von ihr lan­cier­ter Pres­se­ar­ti­kel brach­te Unru­he in die bis dahin (fast) hei­le Welt der bei­den unbe­que­men Schwes­tern Rabia und Sümey­ye. Die­se stan­den unan­ge­foch­ten und kon­kur­renz­los an der Spit­ze der natio­na­len Rang­lis­ten. Sümey­ye war unmit­tel­bar nach der Geburt ihrer Zwil­lin­ge als drei­fa­che Mut­ter wie­der in den Wett­kampf­sport zurück­ge­kehrt und hat­te sich ihren Platz in der inter­na­tio­na­len Spit­ze ein­drucks­voll zurück­er­obert. Im ers­ten Halb­jahr 2014 hat sie sich mehr Welt­rang­lis­ten­punk­te erkämpft als jede ande­re deut­sche Frau und hat­te durch­aus Aus­sich­ten, sich direkt über die Welt­rang­lis­te zu qua­li­fi­zie­ren. Auch bei ihrer Schwes­ter Rabia lief es rund. Da ließ Hele­na Fromm die Bom­be plat­zen und mel­de­te ihren Anspruch an, als Olym­pia-Hel­din auch ohne vor­he­ri­ge Bewäh­rung durch erfolg­rei­che Tur­nier­starts am Qua­li­fi­ka­ti­ons­tur­nier teil­neh­men zu dür­fen. Seit der Geburt ihres ers­ten Soh­nes hat­te sie anders als Sümey­ye eine Baby­pau­se ein­ge­legt und woll­te sich und ihrer Fami­lie nicht die Belas­tung durch die häu­fi­gen Abwe­sen­hei­ten zumu­ten. Den Traum von einer wei­te­ren Olym­pia-Teil­nah­me woll­te sie aber auch noch nicht auf­ge­ben. Der Ver­band kön­ne sie ja trotz­dem nomi­nie­ren – selbst im Fall der direk­ten Qua­li­fi­ka­ti­on einer Mann­schafts­kol­le­gin (Rabia, die in der glei­chen olym­pi­schen Gewichts­klas­se star­tet).

Sümeyye Manz mit ihrer Medaille bei den Luxor Open zusammen mit Bundestrainer Carlos Esteves
Foto: DTU (Deut­sche Tae­kwon­do Uni­on)

Sümey­ye wur­de dann Ende 2014 von den Ver­ant­wort­li­chen der Deut­schen Tae­kwon­do Uni­on „aus­ge­boo­tet” – wegen unüber­brück­ba­rer Dif­fe­ren­zen, genau­er gesagt unter­schied­li­cher Auf­fas­sun­gen über das Mit­spra­che­recht von Sport­lern in Bezug auf ihre Tur­nier­teil­nah­men (man könn­te also auch von unter­schied­li­chem Demo­kra­tie­ver­ständ­nis spre­chen, wobei aller­dings zu berück­sich­ti­gen ist, dass in der Arbeits­welt demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren nicht unbe­dingt gang und gäbe sind). Aber das ist eine ande­re Geschich­te und führt jetzt an die­ser Stel­le zu weit.

Helena Fromm und Yanna Schneider bei den Israel Open

Hele­na muss­te inzwi­schen wegen einer Knie­ver­let­zung ope­riert wer­den und ist damit aus dem Ren­nen für Istan­bul. Dafür ließ Yan­na Schnei­der kürz­lich über die regio­na­le Pres­se ver­laut­ba­ren, dass sie sich Chan­cen auf die Nomi­nie­rung aus­rech­net.
Und auch Hele­na mel­det sich wie­der zu Wort. Sie erin­nert in einem neu­en Pres­se­be­richt an das Jahr 2008, als Pınar Budak statt der ver­let­zen Hele­na zum Qua­li­fi­ka­ti­ons­tur­nier (das übri­gens eben­falls in Istan­bul statt­fand) geschickt wur­de und dort einen Start­platz erkämpf­te. Die­ser wur­de dann aber Hele­na zuge­teilt. Pınar klag­te, die DTU gewann. Nach die­sem ein­schnei­den­den Erleb­nis häng­te Pınar ihre sport­li­che Kar­rie­re an den Nagel.
Wer nun denkt, die WTF hät­te einer sol­chen Vor­ge­hens­wei­se mit der Qua­li­fi­ka­ti­on über die Welt­rang­lis­te einen Rie­gel vor­ge­scho­ben und die Situa­ti­on zuguns­ten der bes­ten Ath­le­ten geän­dert, täuscht sich. Hele­na hat voll­kom­men recht: Das jah­re­lan­ge Ren­nen um Welt­rang­lis­ten­punk­te sichert kei­nem ein­zi­gen Sport­ler den Start­platz, son­dern viel­mehr dem NOK, dem Natio­na­len Olym­pi­schen Komi­tee. Damit liegt alle Macht wei­ter­hin in den Hän­den der Ver­bän­de. Die Deut­sche Tae­kwon­do Uni­on (DTU) ent­schei­det also nach wie vor, wer an Olym­pi­schen Spie­len teil­nimmt und wer nicht. Ver­letz­te oder auch unlieb­sa­me Sport­ler kön­nen in den Mona­ten bis zu den Spie­len noch aus­ge­tauscht wer­den. Dazu muss nicht ein­mal ein „gleich­wer­ti­ger” Ersatz gefun­den wer­den. Ein­mal im ers­ten Halb­jahr 2016 unter den Top 20 reicht voll­kom­men aus. Ledig­lich die Gewichts­klas­se, in der ein Start­platz erkämpft wur­de, darf nicht mehr gewech­selt wer­den.

Anna-Lena Frömming, Rabia Gülec und Özer Gülec beim Trainigslager in Thailand
Foto: Özer Güleç

Seit eini­gen Tagen befin­det sich das Damen-Team in Thai­land bei einem Trai­nings­la­ger. Vor­aus­sicht­lich nach der Rück­kehr kurz vor Weih­nach­ten wird Damen-Bun­des­trai­ner Car­los Este­ves dem Leis­tungs­sport­aus­schuss der DTU sei­nen Nomi­nie­rungs­vor­schlag vor­le­gen.

Anna-Lena Frömming beim Trainigslager in Thailand
Foto: Anna-Lena Fröm­ming

Hof­fen wir, dass die DTU-Ver­ant­wort­li­chen sich ver­nünf­tig, objek­tiv und fair ent­schei­den und sich dabei von Weis­heit und Weit­sicht lei­ten las­sen.

(13.12.2015 Alfred Cas­ta­ño)

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